Mark Walbrun – Lehrer am Leibniz-Gymnasium in Essen

Welchen Stellenwert hat das Thema Stipendien an Ihrer Schule?


Stipendien sind am Leibniz-Gymnasium Essen, einer Schule des Standortfaktors 5, ein entscheidendes Mittel zur Verbesserung der Bildungschancengerechtigkeit. Selbstverständlich handelt es sich dabei nicht um eine Möglichkeit für jeden unserer 1000 SchülerInnen, aber um einen individualisierten Anreiz, der sich eben nicht nur an der reinen schulischen Leistungsfähigkeit, sondern an der Persönlichkeit der SchülerInnen orientiert. 
Rein quantitativ befinden sich zurzeit 40 SchülerInnen in schulbegleitenden oder postschulischen Stipendien. Dies ist eine immense Zahl mit Sogwirkung, da die StipendiatInnen auch immer als MultiplikatorInnen im Schulumfeld wirken, sodass sich zum einen die Zahl der StipendiatInnen von Jahr zu Jahr vermehrt, zum anderen eine Stipendienkultur zum festen Bestandteil der Schulkultur geworden ist. Letztendlich wird die Bindung zwischen SchülerInnen und LehrerInnen intensiviert, da jedem in diesem Prozess klar wird, dass wir nur zusammen erfolgreich an der Angleichung der Bildungschancen arbeiten können.
 
Wie gehen Sie bei der Ansprache der SchülerInnen und bei der Auswahl der Stipendienprogramme vor? Welche Rolle haben Sie dabei?


Die Ansprache zukünftiger StipendiatInnen bedarf besonderer Sensibilität. Der StuBO geht nicht mit einem Portfolio von Fördermöglichkeiten durch die Schule und spricht die Masse an. Dies ist weder zielführend noch vermittelt es den nötigen Anspruch der Eigeninitiative, der immer auch hinter einem Stipendium steht. 
Allgemein informiere ich selbstverständlich über Bewerbungsdeadlines und -modalitäten, hierzu nutze ich Elternabende, Stufenversammlungen, das Informationsbrett oder unsere BO-moodle-Plattform. Individuell und persönlich bedarf es dann aber doch noch einiger Vorgespräche, in denen geklärt wird, ob ein Stipendium für eine Schülerin oder einen Schüler infrage kommt und welches Stipendium gegebenenfalls passt. Bei der Ansprache und den Vorgesprächen muss nicht selten erst einmal ein Bewusstsein geweckt werden, dass förderungsfähiges Potenzial vorhanden ist, da Stipendien fälschlich allzu häufig für eine Form der Elitenförderung gehalten werden.
Die Vorgespräche werden häufig auch von KollegInnen (v.a. KlassenlehrerInnen, FachlehrerInnen, StufenleiterInnen) geführt, sodass mir als StuBO zuweilen auch die Vermittlungsposition zukommt. Wenn z.B. den KollegInnen der Seiteneinstiegsklassen ein/e mögliche/r START-KandidatIn ins Auge fällt, melden sie mir dies über eine im Lehrerzimmer aushängende Liste, sodass ich Kontakt mit den SchülerInnen aufnehmen oder entsprechende Informationen für die KollegInnen bereitstellen kann.
 
Wer erstellt bei Ihnen an der Schule die Empfehlungsschreiben und worauf legen Sie dabei besonderen Wert?


Die Empfehlungsschreiben werden am Leibniz-Gymnasium von den KollegInnen verfasst, die nach Aussage der SchülerInnen am besten über die notwendigen Kompetenzen urteilen können. Die Ansprache der KollegInnen erfolgt in der Regel direkt über die SchülerInnen, es sei denn, der/die Fach- oder KlassenlehrerIn hat bisher wenig Erfahrung mit der Erstellung eines Gutachtens. In diesem Fall spreche ich die KollegInnen selbst an und unterstütze sie mit meinen Kenntnissen.
 
Wie ist ihr Eindruck: Wie selbstständig gehen die SchülerInnen bei der Bewerbung vor?


Das selbständige Vorgehen ist Grundvoraussetzung für ein Stipendium, da nach meiner Erfahrung fremdgesteuerte Bewerbungen ohnehin keine Aussicht auf Erfolg haben. Natürlich biete ich an, Bewerbungen Korrektur zu lesen oder sie auch gemeinsam mit den SchülerInnen zu überarbeiten, sie müssen aber weiterhin selbst erbracht werden - auch wegen der Chancengerechtigkeit zu den Mitbewerbern. Nichtsdestotrotz benötigen viele SchülerInnen die eine oder andere Erklärung, wie die Anforderungen der Bewerbung zu verstehen sind. 
Darüber hinaus biete ich meist in Kooperation mit AltstipendiatInnen Coachings für das Stipendienauswahlgespräch an, damit die SchülerInnen in etwa wissen, was sie erwartet und ruhig in die Gespräche gehen können. 
 
Welche Tipps würden Sie anderen Schulen in Bezug auf die Begleitung von Stipendienbewerbungen geben?


Fragt nicht, was das Stipendium der Schule bringt, fragt, welches Stipendium eure SchülerInnen individuell am besten fördern kann. Natürlich fördert eine Aufnahme ins Stipendium der "Studienstiftung des deutschen Volkes" auch das Renommee der Schule, während ein vergleichsweise kleineres Programm erstmal wenig zum Schulrenommee beiträgt, dafür aber sehr individuell SchülerInnen erfolgreich in ein Studium führt.
Meine Empfehlungen lauten daher: Kennt eure SchülerInnen und ihre Stärken, sucht gemeinsam mit ihnen nach individuell passenden Stipendien, verwechselt Begleitung nicht mit Steuerung.